Reisen nach Corona: Qualität statt Quantität – Luxusurlaub oder Backpackertrip?

Die Verantwortlichen vieler Länder diskutieren im Moment die nächsten Lockerungen nach der Corona-Krise. Ein wichtiger Punkt ist dabei immer auch der Tourismus. Nicht nur, weil Urlauber teilweise bis zu einem Viertel der Wirtschaftsleitung beitragen.

Immer wieder hört man dabei auch den Ruf, in Zukunft mehr auf Qualität statt Quantität zu setzen. Hört man genauer hin, ist aber in der Regel damit gemeint, mehr gut betuchte Reisende anzulocken, die in Luxusresorts übernachten. Wer mit dem Billigflieger kommt und im Hostel oder Airbnb schläft, ist eher unerwünscht.

So wird zum Beispiel in Thailand darüber nachgedacht, zunächst nur die Inseln Phuket, Koh Samui und Koh Phangan für ausländische Touristen zu öffnen und dort vor allem mit Fokus auf 4- und 5-Sterne-Hotels.

Offiziell wird dies damit begründet, dass die Ziele über direkten Flugverkehr erreicht werden und die Bewegungen und Kontakte im Falle einer Ansteckung leichter nachvollzogen werden können.

Allerdings wird dem Vernehmen nach die Einreise ohnehin nur erlaubt sein, wenn man die Tracking App der thailändischen Regierung nutzt, so dass auch bei Backpackern eine Nachverfolgung möglich wäre.

Auch in Europa mehren sich die Stimmen, die Chance zu nutzen und die Reisewelt nach Corona nachhaltiger zu machen. Wobei es in der Realität sehr strittig ist, wie Nachhaltigkeit im Urlaub aussieht bzw. ob sich die beiden Begriffe nicht sogar ausschließen.

Mehr Qualität statt Quantität im Tourismus?

Aber um erst einmal auf Qualität und Quantität zurückzukommen. Sieht man nicht nur schwarz und weiß, stellt sich automatisch die Frage, warum man sich überhaupt für eins von beiden entscheiden muss.

Denn Qualität heißt nicht einfach nur Luxus, ein großer Pool oder Meerblick. Qualität kann auch die Gastfreundschaft sein, zuvorkommendes Personal, saubere Ecken auch dort, wo man normalerweise nicht direkt hinschaut, abwechslungsreiches Essen auch für Vegetarier und Veganer. Also Dinge, die man nicht in einer Sterne-Kategorie messen kann.

Quantität wiederum ist vor allem ein saisonales Problem. Die wenigsten Reiseziele sind über das komplette Jahr überfüllt. Auch hier findet man kreative Lösungsansätze, die über eine reine Begrenzung hinausgehen.

So bietet die Wintersaison rund ums Mittelmeer zwar kein Badewetter, zum Wandern und Sightseeing ist das Klima dann aber perfekt. Und es ist trotzdem wärmer als in Mittel- und Nordeuropa. Zumal ein mit erneuerbaren Energiequellen geheizter Pool sicher ein großes Plus wäre.

Statt All Inclusive-Büffets könnte man Wertgutscheine für umliegende Restaurants an die Gäste verteilen. Touren zu beliebten Ausflugszielen ließen sich mit etwas Koordination auch besser über den Tag verteilen.

Um in überlaufenen Städten den Tourismus besser zu streuen, bieten sich kostenlose Besuchszeiten für die beliebtesten Sehenswürdigkeiten an, also zum Beispiel abends, unter der Woche oder eben über die Wintersaison. Und natürlich sollte man den Influencern Paroli bieten und eigene Must-See’s veröffentlichen.

Ein großes Thema sind Kreuzfahrten. Mehr als ein Schiff im Hafen verbietet sich aus unserer Sicht für die meisten Anlaufpunkte. In Zusammenarbeit mit den Reedereien gelingt es aber sicher, die Routen entsprechend anzupassen. Der Trend scheint ohnehin zu mehr Seetagen und Erholung an Bord zu gehen statt jeden Tag durch eine andere Stadt zu hetzen.

Schließen sich Nachhaltigkeit und Urlaub aus?

Die Frage, ob Urlaub nachhaltig sein kann, ist zu komplex, um sie auch nur ansatzweise hier beantworten zu können. Klar ist aber, dass Deutschland Reiseweltmeister ist und für die meisten wohl auch zu einem nachhaltigeren Leben Urlaub als fester Bestandteil zählt.

Die Frage ist also vielmehr, wie nachhaltiger Urlaub aussehen könnte. Wer dabei allein an Urlaub in Deutschland denkt, der wird dabei schnell feststellen, dass die beliebtesten einheimischen Reiseziele auch jetzt schon aus allen Nähten platzen in der Hauptsaison. Mehr Gäste verträgt die Ostsee im Sommer sicherlich nicht.

Hinzu kommt, dass nach wie vor ein Großteil der Urlauber mit dem eigenen PKW, also im Vergleich zu einem Flug nur bedingt umweltschonender und damit nachhaltiger unterwegs ist.

Sicherlich ist mit den Billigfliegern der Gelegenheitsverkehr in der Luft stark gewachsen. Wenn es günstiger ist, nach Rom zu fliegen als mit dem Zug innerhalb Deutschlands zu fahren, führt das fast automatisch zu Reisen, die man normalerweise nicht gemacht hätte.

Allerdings darf man hier nicht vergessen, dass es sich bei Preisen unter 10€ nur um wenige Plätze meist unter der Woche in der Nebensaison handelt, die sonst leer geblieben wären. Natürlich zahlen hier die Airlines drauf. Es handelt sich um eine Werbemaßnahme wie in anderen Branchen auch, wo das Geld stattdessen für teure Fernsehspots mit Promis ausgegeben wird.

Noch vor 20 Jahren lagen die Preise deutlich höher und die Flieger waren außerhalb der Peak-Zeiten halbleer unterwegs, weil sich nur Geschäftsleute und der obere Mittelstand einen Kurztrip nach Spanien leisten konnten. Und man war oft gezwungen, Umsteigeverbindungen über die Hubs der großen Airlines zu buchen, statt wie heute auf vielen Strecken nonstop fliegen zu können.

Nicht vergessen darf man außerdem, dass die Billigflieger viel zum kulturellen Austausch gerade der jüngeren Generation beigetragen haben. Und auch Reisende bei Ryanair und easyjet geben vor Ort Geld aus. Und das in der Regel bei einheimischen Unternehmen und Vermietern, statt in großen, international geführten Hotelketten.

Weniger im Rampenlicht stehende Städte wie Valencia, Neapel oder Belgrad haben in den letzten Jahren unter anderem auch wegen ihrer guten Anbindung an viele europäische Ziele einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung genommen.

Länder wie Montenegro, Georgien oder Jordanien bereist man jetzt völlig unkompliziert, während diese Ziele vor nicht allzu langer Zeit nur im Rahmen teurer Studienreisen auf dem Programm standen.

Und dass Reisen bildet, den Horizont erweitert, den Austausch zwischen verschiedenen Kulturen fördert, auf Probleme aufmerksam macht und damit langfristig für Frieden und Wohlstand für alle sorgt, ist mehr als nur ein Klischee.

Wie könnte nachhaltiger Urlaub aussehen?

Nachhaltigkeit sollte also nicht nur bedeuten, Billigfliegern das (Über)leben schwer zu machen. Natürlich wäre es zu begrüßen, wenn kurze Strecken vermehrt mit der Bahn statt dem Flieger zurückzulegen sind. Aber hier muss ein europaweiter Ausbauplan her.

Auch vor Ort gibt es noch viel zu tun. So gilt es, Unterkünfte, die auf Plattformen wie Airbnb angeboten werden, zum Schutz der Einwohner zu reglementieren. Aber das sollte passieren, ohne die ursprüngliche, gut gemeinte Idee dahinter zu verbieten.

Dort, wo es nur wenige, teure Hotels gibt, sind Privatzimmer und -wohnungen sicher eine gute Ergänzung, zumal daran in erster Linie die einheimische Bevölkerung verdient. Ab wo die Bewohner ganzer Stadtteile vertrieben werden, um größeren Profit zu machen, dort sollte strenger reglementiert werden.

Wenn man sich heute auf der philippinischen Insel Boracay umschaut, erkannt man schnell, dass eine drastische Entscheidung wie die Schließung einer ganzen Urlaubsregion für begrenzte Zeit, ein harter, aber wohl guter Schritt ist. Gerade wenn es in der Vergangenheit viele nicht genehmigte Bausünden gab.

Genügend Gründe gibt es auch, den Zugang zu Sehenswürdigkeiten zeitlich zu begrenzen und Time Slots für den Eintritt einzuführen, die man vorab online buchen kann. Das reduziert die Warteschlangen und das Erlebnis vor Ort für alle und man kann die Besucher auch auf die Randzeiten lenken.

Nachhaltige Resorts und Hotels müssen gefördert werden. Denn klar ist, der Bau und die Bewirtschaftung solcher Unterkünfte ist deutlich teurer. Ziel muss es also sein, den Preisunterschied zu herkömmlichen Hotels so weit zu reduzieren, dass es für alle Betreiber lohnenswerter ist, auf Nachhaltigkeit zu setzen. Das Ziel ist also nicht, ein Bestrafungssystem einzuführen, sondern nachhaltige Konzepte zu belohnen.

Last but not least das Thema Tiere im Urlaub. Wobei es uns hier weniger um das äußerst kontroverse Thema Zoo und Tierparks geht, sondern eher um Vorführungen, Dressuren, Reiten oder Fotos mit betäubten Raubkatzen.

Hier seid ihr gefragt. Denn solange es eine Nachfrage gibt, werden solche Sachen trotz Verbote angeboten. Lasst bitte die Finger davon und schaut nach Alternativen, auch wenn diese mehr kosten und keine schönen Selfies bringen.

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