In 80 Tagen um die Welt – Tag 2: Auf den Spuren des Orient Express von Paris nach Venedig

Was bisher geschah:

Der Orient-Express war eine der berühmtesten Bahnverbindungen in einer Zeit, in der eine Billigfluggesellschaft wie Ryanair noch nicht einmal klitzeklein in der Vorstellung der verwegensten Propheten war. Am Juni 1883 brach der erste Express d’Orient genannte Zug von Paris in Richtung Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, auf.

Schon recht früh gab es zwei Alternativrouten, von denen der Simplon-Orient-Express unserer heute zurückzulegenden Strecke am nächsten kommt. Auch wenn die Fahrtzeit damals noch deutlich länger war.

In unter 10 Stunden schafft man die etwas über 1000 Kilometer lange Strecke heutzutage mit modernen Hochgeschwindigkeitszügen. Noch immer ist das keinen Eintrag ins Guinnessbuch wert, aber für eine so gebirgige Strecke auch keine schlechte Zeit.

Aber wenn man schon den ganzen Tag im Zug hockt, will man ja wenigstens spannende und abwechslungsreiche Landschaft vor dem Fenster haben. Und wo geht das besser als im Mutterland der langsamsten Schnellzüge der Welt, in der Schweiz.

Den Glacier Express schaffen wir zwar nicht einzubauen, aber neben den beiden nördlichen und südlichen Hauptstrecken um die Schweiz herum, haben wir zwei Routen durch die Schweiz mit vertretbarer Zeitverlängerung gefunden, die landschaftlich zu den schönsten in Europa zählen.

Die Routen auf der Karte:


Nachfolgend stellen wir euch die Routen etwas mehr im Detail vor. Anders als Flugverbindungen lassen sich internationale Bahnfahrkarten im besten Fall 6 Monate vor Fahrtantritt lösen. Im schlechtesten Fall auch erst ein paar Wochen vorher oder sogar am Schalter vor Ort.

Deswegen können wir noch keine Fahrpläne festlegen und selbst die Wahl der Route wackelt noch. Denn in 1,5 Jahren kann viel passieren, gerade im grenzüberschreitenden Bahnverkehr. Wir hoffen natürlich nur Positives.

Alle vier Routen lassen sich nach Vor-Corona-Fahrplan an einem Tag abfahren, wobei ihr Paris etwa 7 Uhr morgens verlasst und abgesehen von einer Pizza und einem Glas Rotwein nach Ankunft in Venedig nicht mehr viel erwarten könnt. Aber dafür haben wir ja den nächsten Tag reserviert.

Route 1: Strasbourg – München – Innsbruck – Brenner

Die nördlichste Option ist sehr komfortabel und auch nicht allzu kompliziert. Die landschaftlichen Highlights beschränken sich aber auf kurze Abschnitte zwischen Stuttgart und Ulm sowie die Alpenüberquerung am Brenner-Pass.

Mit dem TGV oder ICE geht es zunächst von Paris Gare de l’Est im Rekordtempo und oft ohne Stopp nach Strasbourg und nach Überquerung des Rheins und der deutschen Grenze weiter nach Karlsruhe. Je nach Verbindung erfolgt der Umstieg in den ICE Richtung München meist in Mannheim oder Stuttgart. Die Weiterfahrt über Ulm und Augsburg wird auch Ende 2022 noch im gedrosselten Tempo auf der alten Strecke stattfinden.

Die bayrische Landeshauptstadt erreichen wir zwischen 13 und 14 Uhr. Wenn wir das Mittagessen nicht im Bordrestaurant einnehmen, findet sich sicher eine angenehme Einkehrmöglichkeit rund um den Bahnhof, um die lokalen Spezialitäten zu verkosten.

Die zweite Tageshälfte verbringen wir nach aktuellem Stand im EuroCity nach Italien. Der Zug ist eine Kooperation aus Deutscher und Österreichischer Bahn und fährt von München aus über Kufstein nach Innsbruck und weiter über den Brenner nach Bozen und Verona. Dort spaltet sich die Strecke in Richtung Mailand, Bologna und Venedig, so dass ein weiterer Umstieg je nach Fahrplan möglich ist für den letzten Abschnitt nach Venedig.

Die Beschaffung der Fahrkarten für diese Route ist recht simpel. Im besten Fall bekommt man die Abschnitte Paris – München und München – Venedig als Sparpreise bei der Deutschen Bahn. Mit viel Glück in der 2. Klasse schon ab unter 100€. Realistisch sollte man aber eher 150€ ansetzen. In der 1. Klasse zwischen 150 und 200 Euro.

Da sowohl die französisch-deutschen Streckenabschnitte als auch die Züge über Österreich nach Italien Kooperationszüge sind, lohnt es sich auf jeden Fall, den Preis mit der Französischen Bahn (SNCF) bzw. der ÖBB zu vergleichen. Teilweise gibt es unterschiedliche Kontingente und damit Preise für den gleichen Zug.

Expertentipp „Fahrtkarten stückeln“

Wenn ihr bei unterschiedlichen Bahnen Tickets kauft, achtet immer auf genügend Umsteigepuffer für den Fall einer Verspätung, auch wenn die Umsteigezeit offiziell reicht. Ansonsten habt ihr viel Rennerei und müsst gegebenenfalls sogar ein neues Ticket kaufen.
Am einfachsten ist es, die Streckenabschnitte zu überlappen. Dadurch habt ihr die Anschluss-Garantie auch bei Nutzung zweier unabhängiger Tickets und meist gibt es keinen oder nur einen geringen Aufpreis dafür.
So könntet ihr im Beispiel hier einen Sparpreis Paris – München kaufen und dazu einen weiteren Augsburg – München – Venedig, wobei der Teil Augsburg – München natürlich für den Zug ist, mit dem ihr aus Paris kommt.
Sollte nun euer Zug aus Paris eine größere Verspätung haben, gilt diese natürlich auch für euer zweites Ticket ab Augsburg. Gemäß den Bahnregeln könnt ihr euer Ticket dann einfach für die nächste Verbindung nutzen und bekommt sogar eine Hotelübernachtung bezahlt, falls ihr irgendwo über Nacht strandet.


Route 2: Basel – Zürich – Bernina -Express – Mailand

Auch diese Route ist gar nicht so kompliziert, wie sie sich zunächst anhört, ist aber durch die Nutzung des berühmten Bernina-Express, der sogar einen Eintrag als UNESCO Welterbe hat, vermutlich die landschaftlich spektakulärste.

Recht normal geht es zunächst mit dem TGV meist von Paris Gare de Lyon mit nur wenigen Halten nach Basel, an der Schweiz-Französisch-Deutschen Grenze. Die meisten Züge fahren sogar weiter bis Zürich. Mit einem der mindestens stündlich verkehrenden InterCity- oder InterRegio-Züge setzen wir die Fahrt nach Chur in Graubünden fort, wo wir kurz vor 1 Uhr nachmittags ankommen.

In der kleinen Stadt treffen sich die zwei berühmtesten Schweizer Züge, der Glacier Express und der Bernina Express. Beide sind ein absolutes Highlight, aber nur der Bernina Express bringt uns weiter Richtung Italien. Ohne Zahnrad geht es auf über 2000 Meter Höhe und dann wieder hinab nach Tirano kurz hinter dem Grenzübergang nach Italien.

In Tirano besteigen wir einen Regionalzug in Richtung Mailand, der ebenfalls landschaftlich nicht uninteressant am Comer See vorbei fährt, im besten Fall mitten im schönsten Sonnenuntergangslicht. In Mailand sollten wir dann den letzten Hochgeschwindigkeitszug nach Venedig schaffen oder müssen uns notfalls mit Regionalzügen über Verona und Padua durchschlagen.

Die Ticketbeschaffung für diese Strecke ist schon deutlich komplexer als bei Route 1. Die vermutlich günstigste Variante ist es, sich frühzeitig einen Sparpreis von Paris nach Basel oder Zürich zu sichern sowie in den sauren Apfel zu beißen und die Schweizer Bahnpreise, ohne mit der Wimper zu zucken, zu zahlen. Die Regionalbahn ab Tirano ist dann wiederum sehr günstig und von Mailand nach Venedig gibt es zu normalen Zeiten auch mehr als genügend Sparpreise gerade für die Randzüge am späten Abend.

Eventuell lässt sich etwas an den Schweizer Preisen sparen, wenn wir eins der vergünstigten Tagestickets ergattern können. Diese gelten dann für den gesamten Abschnitt von Basel nach Tirano ohne Zugbindung. Alternativ könnte es sich auch lohnen, einen Sparpreis der DB von einem grenznahen Bahnhof wie Freiburg oder Stuttgart nach Tirano auszustellen. Teilweise sind diese günstiger als die Fahrkarten innerhalb der Schweiz, auch wenn wir den Abschnitt bis Basel oder Zürich gar nicht brauchen.

100 bis 150 Euro sollten wir mindestens in der 2. Klasse ansetzen. Unter Benutzung des direkten Schnellzugs auf der Strecke des Bernina Express lohnt sich vermutlich sogar die 1. Klasse inklusive Mittagessen an Bord. Dann können bis zu 250€ fällig werden insgesamt.

Expertentipp „Bernina Express“

Der Bernina Express im eigentlichen Sinne ist ein durchgehender Schnellzug von Chur oder San Moritz nach Tirano ein bis zwei Mal am Tag. Er wird aus Panoramawagen gebildet, in der 1. Klasse wird ein Mittagessen am Platz serviert.
Für den Zug fällt neben dem Streckenfahrschein auch ein Zuschlag an, der in der 2. Klasse nur die Sitzplatzreservierung enthält, in der 1. Klasse auch die Bordverpflegung. Natürlich darf auch das touristische Rahmenprogramm dazu nicht fehlen.
All das kann man sich wenn gewünscht leicht sparen, indem man einen der stündlichen Regionalzüge nimmt. Diese fahren exakt die gleiche Strecke und sind auch nicht langsamer. Einziger Nachteil: Ihr müsst ein- oder zweimal umsteigen unterwegs. Die Aussicht ist aber die gleiche und ihr findet noch regelmäßig Wagen, bei denen ihr für bessere Fotos die Fenster öffnen könnt. Reservieren müsst ihr nicht, lediglich eine für die Strecke gültige Fahrkarte haben.
Ab und zu gibt es Sparpreise für den Bernina Express, die vor allem auch in der Version mit Essen in der 1. Klasse preislich recht attraktiv sind. Aktuell gelten diese aber nur für den gebuchten Abschnitt und sich nicht ab Basel oder Zürich ausstellbar.


Route 3: Genf – Montreux – Centovalli – Lugano – Mailand

Zwar kann diese Route nicht mit den ganz großen bekannten Express-Zügen aufwarten, wir sehen sie aber trotzdem als beste Alternative zur Tour mit dem Bernina Express. Ihr durchquert an einem Tag die Französischen, Schweizer und Italienischen Alpen in regulären Zügen.

Los geht es auch hier in Paris Gare de Lyon mit dem TGV nach Genf oder Lausanne, wobei nur der erste Abschnitt bis hinter Dijon Hochgeschwindigkeitsstrecke ist. Denn dann geht es schon ins Gebirge. Ab Genf begleitet euch für lange Zeit in Fahrtrichtung rechts der Genfer See mit teilweise spektakulären Ausblicken.

Die Strecke bis Brig wird mindestens stündlich, teilweise sogar halbstündlich von regulären Zügen bedient. Neben Lausanne sind auch Montreux und Martigny bekannte Urlaubsorte entlang der Route. Falls irgendwann mal mehr Zeit ist, in Montreux zweigt der Golden Pass Express über Interlaken nach Luzern ab, in Martigny könnt ihr in nach Chamonix zu Füßen des Mount Blanc umsteigen.

Brig ist ein weiterer wichtiger Knotenpunkt im Schweizer Bahnnetz. Hier trifft die Strecke aus Genf und Lausanne auf die Verbindung aus Basel und Bern, um gemeinsam weiter nach Italien zu führen. Außerdem kommt aus Zermatt vom Matterhorn der Glacier Express hier an und fährt weiter einmal quer durch die südliche Schweiz nach Andermatt, Chur und St. Moritz.

Wir nehmen aber einen Zug nach Italien von Brig aus, steigen dann direkt nach Überquerung der Grenze in Domadossola schon wieder aus. Denn hier startet eine recht unbekannte Bahnlinie, die wir euch unbedingt ans Herz legen wollen.

Die Züge der Centovalli-Bahn fahren von Domodossola nach Locarno in der Schweiz durch die gleichnamige Region der 100 Täler im Tessiner Land. Auch wenn die Fahrt mit etwa 2 Stunden vergleichsweise kurz ist, hat man fast über die komplette Strecke tolle Ausblicke weit hinunter in die Flusstäler.

Angekommen im Tessin wird schnell klar, dass man mitten in der Italienisch-sprachigen Schweiz ist. Die Region wurde in den letzten Jahren mit einem modernen S- und Regionalbahnsystem erschlossen, das bis nach Mailand reicht. Von dort aus nutzen wir wieder einen der Hochgeschwindigkeitszüge der Italienischen Bahn oder der privaten Konkurrenz.

Die Ticketbeschaffung teilt sich ähnlich wie bei Route 2 in vier Teile auf. Für den TGV von Paris in die Schweiz gibt es gute Sparpreise bei der Französischen Bahn. Für den Schweizer Abschnitt lohnt entweder ein Tagespass, der auch die Centovalli-Bahn beinhaltet, oder ein Einzelfahrschein. Ab der italienischen Grenze wird es dann wieder deutlich günstiger. 100 bis 150 Euro in der 2. Klasse müssen insgesamt eingeplant werden, 150 bis 200 Euro in der 1. Klasse.

Expertentipp „Schweizer Bahnpreise“

Die meisten Schweizer Pendler haben eine Jahreskarte, viele auch die Halbtax-Karte mit entsprechender Ermäßigung. Wenigfahrer und Besucher haben es da etwas schwerer, gute Angebote zu finden.
Wenn ihr nur kurz in der Schweiz seid wie hier auf der Route, ist die Tageskarte der SBB die mit Abstand beste Wahl. Frühzeitig gebucht gibt es sie für 52 CHF, also 48€. Klingt viel, aber eine Einzelfahrt kostet meist nicht weniger und ihr seid an die gebuchte Strecke gebunden.
Habt ihr mehr Zeit und fahrt viel Zug, schaut euch den Swiss Rail Pass an. Der funktioniert ähnlich wie Interrail, aber nur für die Schweiz. Die Preise sind gut, wenn ihr die vielen spektakulären Strecken abfahren wollt. In den meisten Zügen könnt ihr einfach einsteigen und losfahren. Lediglich in manchen Premiumzügen ist eine extra Reservierung notwendig.
Vergesst nicht, dass ihr mit dem Swiss Rail Pass auch fast alle Postbusse kostenlos nutzen könnt, zudem viele „Fähren“ auf den Schweizer Seen. Außerdem bieten die meisten Bergbahnen bis zu 50% Ermäßigung an, was sich gerade bei den teuren Klassikern wie Jungfraujoch oder Gornergrat lohnt.
Regelmäßig gibt es eine besondere Aktion, bei der ihr den Pass für die 1. Klasse zum Preis der 2. Klasse bekommt. Meist gilt das zwar nur für die Nebensaison, aber damit macht die Erkundung der Schweiz noch mehr Spaß.


Route 4: Lyon – Turin – Mailand

Die südliche Route von Paris nach Venedig ist zugleich die einfachste. Quasi die Variante, falls ihr in Paris morgens verschlaft. Mit dem TGV geht es von Gare de Lyon über die Schnellstrecke Richtung Südfrankreich. Diese verlassen wir hinter Lyon und es wird kurz etwas kurvig um über die Alpen bzw. in vielen Tunneln darunter durch zu kommen.

Erster wichtiger Halt ist Turin, ehemalige Olympia-Stadt und aktuell Heimat von Cristiano Ronaldo. Ob das im Oktober 2022 auch noch so ist, darf wohl angezweifelt werden, weswegen es wohl darauf hinausläuft, dass wir bis Mailand im TGV aus Paris sitzenbleiben. Von Mailand aus geht es mit einem der vielen Hochgeschwindigkeitszüge weiter nach Venedig.

Theoretisch ist die Route 4 in unter 10 Stunden zu bewältigen, was sie zur schnellsten Option macht. Zugleich mit nur einem kurzen Umstieg auch zur organisatorisch einfachsten. Zwei Sparpreise reichen dafür aus. Mit ganz viel Glück lässt sich die Gesamtstrecke so schon für etwas über 50€ buchen. Realistisch sollten wir etwa 100€ ansetzen, was oft sogar für die 1. Klasse möglich ist.

Expertentipp „Sparpreise Italien“

Italien gehört zu den wenigen Ländern weltweit, in denen es auf der Schiene ernsthafte Konkurrenz zwischen dem (ehemaligen) Staatsunternehmen und einem privaten Betreiber gibt. Der Italo hat der einstmals etwas träge wirkenden Italienischen Bahn fast schon Flügel verliehen.
Vorteil beider Betreiber von Hochgeschwindigkeitszügen ist natürlich der konsequente Ausbau der wichtigsten Strecken, die in Italien ein T bilden. Im Norden geht es fix von Turin über Mailand nach Venedig. Dazu kommt die Achse über Bologna, Florenz und Rom nach Neapel.
Vergleicht auf jeden Fall die Preise beider Gesellschaften, auch wenn es etwas mehr Mühe macht. In der 1. Klasse gibt es anders als in Deutschland sogar Snacks und Getränke kostenlos.
Abseits der Hochgeschwindigkeit fahren ein paar alternde InterCity, die zwar deutlich langsamer, dafür teilweise unglaublich günstig sind. Und als Netz und doppelten Boden hat man fast überall noch den italienischen Regionalverkehr, der oft deutlich besser als sein Ruf ist. Tickets kosten nicht viel und ihr bekommt sie kurz vor dem Einstieg am Automaten oder ganz einfach per App.


Nach diesem langen Fahrtag werden wir es in Venedig am nächsten Tag nicht übertreiben. Trotzdem sollen die wichtigsten Sehenswürdigkeiten im Fotoalbum landen. Und wir finden für euch heraus, wo in der Stadt ihr faire Preise für Cappuccino und Pizza bekommt. Und natürlich, wo wir Quartier aufschlagen für die nächsten zwei Nächte. Nächsten Freitag in der Fortsetzung unserer Reise um die Welt in 80 Tagen.

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